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Wenn Gemeinsamkeiten Vertrauen schaffen

Menschen mit psychischen Erkrankungen profitieren mehrfach von der Unterstützung durch Peers, denn diese haben ebenfalls eine psychische Krise durchlaufen oder leben mit einer solchen Erkrankung. Und so begegnen sich Betroffene und Peers auf Augenhöhe.

Man sieht eine Frau von hinten mit einem orangen Top und grünem Kopftuch. Ihr gegenüber sitzen eine blonde Frau und ein Mann mit Hut. Das Bild ist verschwommen.
© Achterbahn

„Peer“ bedeutet übersetzt „Gleichgestellt“, „Ebenbürtig“, aber auch „Gleichaltrig“. Übertragen auf die Begleitung von Menschen in psychischen Krisen beschreibt Peers Personen, die auf einen persönlichen Genesungsweg blicken und daraus Kraft schöpfen können. Sie bringen viel Erfahrungswissen und dadurch Authentizität mit und bieten so einen niederschwelligen Zugang.

Vermittlung von ich-stärkenden Bewältigungsstrategien

Die Wirkung von Peer-Arbeit zeigt sich auf vielen Ebenen. Sie ermöglicht einen schnelleren Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung, verringert Selbst-Stigmatisierung und normalisiert das Darüber-Reden. Peer-Arbeit unterstützt zudem selbstbestimmtes Leben und zeigt Wege zur Teilhabe am sozialen Leben. Das wiederum fördert Autonomie und Selbstvertrauen. Dem allem liegt ein essenzielles Merkmal zugrunde: Durch den gemeinsamen Erfahrungshintergrund fühlen sich die unterstützten Personen verstanden.

Peers ergänzen professionelle medizinische, therapeutische und psychosoziale Angebote. Sie unterstützen in akuten Krisen und helfen bei langfristigen psychischen Behinderungen. Auch einige von uns geförderte Projekte setzen auf die stärkende Kraft von Peers.

Peer Companions zur Begleitung im Alltag

Eine Frau hält ein Herz aus Holz vor sich, auf dem "Tipsi" steht. Am Bild ist eine Sprechblase mit der Aufschrift "Ich bin (d)ein Peer!" zu sehen.
© Tipsi

Bei PeerCom begleiten Mental Health Peers mit psychosozialer oder Peer-Ausbildung psychisch belastete Menschen bei Behördengängen oder auf dem Weg zur Gesundheitsversorgung. Sie tragen so zur Existenzsicherung und Gesundheitsförderung bei. Das Ziel: Die unterstützten Personen kommen leichter und früher in der Regelversorgung an. Der Verein TIPSI (Tiroler Interessensverband für psychosoziale Inklusion) richtet sich dabei an drei Zielgruppen: an Jugendliche und junge Erwachsene mit psychosozialen Problemen, denen der Zugang zu Versorgung erschwert ist. Außerdem an Erwachsene, die psychische Krisen, Erschütterungen und Leidensdruck erleben. Sowie an langfristig erkrankte Menschen mit psychosozialen Behinderungen, die im Alltag zu wenig Unterstützung erfahren. Durch das Projekt werden Arbeitsplätze für Menschen mit einer psychischen Erkrankung geschaffen. Wir fördern PeerCom im Rahmen des Innovationsfonds über drei Jahre hinweg.

Eine Frau hält ein Herz aus Holz vor sich, auf dem "Tipsi" steht. Am Bild ist eine Sprechblase mit der Aufschrift "Ich bin (d)ein Peer!" zu sehen.

Zertifikatslehrgang für Peers in der Steiermark

Fünf erwachsene Personen sitzen an einem Tisch. Das Bild ist verschwommen.

Ebenfalls unterstützt über den Innovationsfonds setzt sich der Selbsthilfe-Verein Achterbahn Steiermark dafür ein, im gesamten Bundesland Peer-Arbeit in der psychosozialen Versorgung zu etablieren. Denn gerade am Land kommen die Stigmatisierung und Tabuisierung psychischer Erkrankungen besonders zu tragen, da sich Menschen persönlich kennen. Bei „Peer:Arbeit in der Praxis“ steht Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund, damit Betroffene am sozialen Leben ohne Barrieren teilhaben können. Das Projekt startete 2025, der erste Lehrgang der EX-IN-Ausbildung (Experten durch Erfahrung in der Psychiatrie) im März 2026. Dabei werden Interessierte in der Achterbahn Akademie zu zertifizierten Peer-Arbeiterinnen und -Arbeitern ausgebildet. Module umfassen Themen wie Empowerment, Recovery, Trialog oder auch Krisenintervention.

Fünf erwachsene Personen sitzen an einem Tisch. Das Bild ist verschwommen.
© Achterbahn

Wenn sich Jugendliche für Jugendliche stark machen

Das partizipative Projekt Peers4Teens vom Verein Jojo – für psychisch belastete Familien richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 29 Jahren, die mit einem psychisch erkrankten Elternteil aufwachsen. Diese sogenannten Young Carers stehen meist unter großem Druck und laufen Gefahr dadurch selbst früher oder später krank zu werden. Jugendliche, aber auch junge Erwachsene möchten oft keine Hilfe annehmen – vor allem nicht von Erwachsenen oder Psychologinnen und Psychologen. Anders sieht es mit der Hilfe durch Gleichaltrige aus, noch dazu, wenn diese ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Peers im Projekt Peers4Teens stehen einerseits beratend zur Seite, kümmern sich aber auch um Öffentlichkeitsarbeit und arbeiten im Bereich der Vernetzung und Sensibilisierung. Jojo bietet ihnen zusätzlich eine Ausbildung an und unterstützt sie mit psychologischer Supervision. Wir haben das Projekt über den Jubiläumsfonds von 2023 bis 2025 gefördert.

Ein safe space im digitalen Raum

Auch pro mente Oberösterreich setzt auf Peer-Unterstützung durch Gleichaltrige. Bei safe.space wird diese in den digitalen Raum verlagert, wo viele Jugendliche Zeit verbringen. Begleitet von zwei Sozialarbeiterinnen posten junge Menschen auf eigens eingerichteten Instagram- und TikTok-Profilen Erfahrungsberichte und Informationen rund um das Thema psychische Gesundheit. Die Posts zeigen auch mögliche Handlungsschritte auf und stehen Interessierten zeitlich und örtlich unabhängig sowie anonym zur Verfügung. safe.space zielt darauf ab, einen Beitrag zur Entstigmatisierung zu setzen und die psychische Gesundheit und Widerstandsfähigkeit der jungen Generation zu stärken. Das Projekt wurde von uns im Geschäftsjahr 2024/25 unterstützt.

Orientierung bei der Berufs- und Bildungswahl

Zwölf Jugendliche aus unterschiedlichen Ländern sitzen und stehen in einem Innenhof. Sie blicken in die Kamera. Einige lächeln.
© PATHfindr

Doch nicht nur im Bereich der psychischen Gesundheit kommen Peers zum Einsatz. PATHfindr greift im Projekt „digitale Peerberatung für ein chancenreiches Leben“ auf diese wichtige Ressource zurück. Die Initiative richtet sich dabei an sozioökonomisch benachteiligte Jugendliche, an Jugendliche aus Familien mit einer anderen Erstsprache als Deutsch sowie an Jugendliche und junge Erwachsene mit Fluchterfahrung. Auf Discord, Instagram, TikTok und Snapchat bieten bislang 23 Peers mit Fluchterfahrung Beratung an. Sie geben Orientierung bei der Berufs- und Bildungswahl, die gerade Jugendliche aus den Zielgruppen vor große Herausforderungen stellt. Zu festgelegten Zeiten stehen sie auf den Social Media-Kanälen für Fragen zur Verfügung und werden dabei von einer Fachperson unterstützt. Um Jugendliche zu erreichen, hält PATHfindr zusätzlich Workshops in Mittel- und Polytechnischen Schulen ab. Die Peers erhalten eine fundierte Peers-Beratungsausbildung. Wir fördern das Projekt über den Innovationsfonds über einen Zeitraum von drei Jahren.

Zwölf Jugendliche aus unterschiedlichen Ländern sitzen und stehen in einem Innenhof. Sie blicken in die Kamera. Einige lächeln.

Familien stärken – Trauma bewältigen

Ein weiteres Innovationsfonds-Projekt für Menschen mit Fluchterfahrung im Fokus ist „Traumahilfe für Familien nach der Flucht“ von AFYA – Verein zur interkulturellen Gesundheitsförderung. Das Projekt hat zum Ziel, Folgewirkungen von Traumatisierung bei geflüchteten Kindern und Jugendlichen und ihren Familien zu reduzieren. Bestehende psychische Beeinträchtigungen sollen vermindert und einer Chronifizierung entgegengewirkt werden. So werden Integrationshürden langfristig abgebaut und die Teilhabe an der Mehrheitsgesellschaft wird erleichtert. Um das zu erreichen, werden Kinder, Jugendliche und Eltern sensibilisiert und über einen Zeitraum von acht Wochen zuhause im Umgang mit posttraumatischem Stress geschult. Dies passiert durch muttersprachliche Peer-Trainerinnen und -Trainer. Dieser Ansatz der niederschwelligen Peer-Traumahilfe ist in Österreich neu, ebenso die Einbettung ins Familiensetting.

Nach eigener Gewalterfahrung Resilienz erleben und vermitteln

Eine Frau steht vor einer Collage, die an der Wand hängt, und befestigt darauf ein Bild. Die Frau ist ganz in blau gekleidet und trägt ein Kopftuch.

Das mehrstufige Projekt Growing Roots von Hemayat – Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende setzt auf Empowerment und Gewaltprävention für geflüchtete Frauen in Wien. In einer ersten Stufe werden vergangene Gewalterfahrungen aufgearbeitet. Die teilnehmenden Frauen erhalten zudem Informationen über rechtliche und soziale Möglichkeiten sowie Unterstützung beim Aufbau von sozialen Netzwerken und von Resilienz. Dies stellt einen entscheidenden Beitrag zur Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe darf. Im ersten der drei durch den Innovationsfonds geförderten Projektjahre besuchten bereits knapp über 200 Frauen psychotherapeutische, klinisch-gesundheitspsychologische sowie bewegungstherapeutische Gruppen. In einer zweiten Stufe werden teilnehmende Frauen zu Peer-Multiplikatorinnen geschult, als die sie dann die neu erworbenen Fähigkeiten in die Familie und die Community tragen.

Eine Frau steht vor einer Collage, die an der Wand hängt, und befestigt darauf ein Bild. Die Frau ist ganz in blau gekleidet und trägt ein Kopftuch.
© Hemayat