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„Unsere Geschichte(n)” am Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim

Seit Anfang 2025 wird im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim am Projekt „Unsere Geschichte(n)“ gearbeitet. Im Zentrum dieses drei-jährigen Projektes steht die Selbstbestimmtheit von Menschen mit Behinderung.

Ein Raum im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim: An Regalen sind Tafen und Bilder angebracht. Groß zu sehen sind Schilder mit den Aufschriften "Nicht über uns, ohne uns", "aufbruch" und "kein mitleid - gleiche rechte"
© Gerald Lohninger

Gastartikel Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim

Die Wichtigkeit von Selbstbestimmtheit.

Selbstbestimmtheit ist die wohl zentralste Forderung der Community von Menschen mit Behinderungen, da diese die Realisierung von Barrierefreiheit, aber auch von Chancengleichheit und Gerechtigkeit bedeutet. In vielen Aspekten des Lebens von Menschen mit Behinderungen ist die Selbstbestimmtheit nicht gegeben. Dies bedeutet, dass für viele Menschen mit Behinderungen der Alltag, aber auch Freizeitaktivitäten, wie z.B. ein Museumsbesuch oder der spontane Ausflug in die Berge, aufgrund von Barrieren oder Chancendisparitäten nur fremdbestimmt oder teilweise fremdbestimmt möglich sind. Für Menschen ohne Behinderungen, die sich keinerlei Barrieren entgegensehen müssen, ist dies hingegen nicht der Fall. Für sie ist Selbstbestimmtheit eine Selbstverständlichkeit, die nicht nur Freiheit ermöglicht, sondern auch eine Vielzahl an Chancen bietet.

Die Geschichte des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim.

Ein Raum im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim: In der Mitte ist eine große runde Platte auf der der Plan des Gebäudes aufgezeichnet ist mit nummerierten Räumen. Daneben stehen Würfel mit den Nummern und Beschriftungen drauf.
© Gerald Lohninger

Das Schloss Hartheim ist ein historischer Ort der eng mit der Disability History – also der Geschichte der Community von Menschen mit Behinderungen – verbunden ist. Nach Schenkung durch den Fürst Starhemberg befand sich dort bis März 1940 eine Anstalt für Menschen mit Behinderungen des oberösterreichischen Landeswohltätigkeitsvereins. Im Anschluss begann das dunkelste Kapitel dieses historischen Ortes: Nach der Enteignung richteten die Nationalsozialisten im Erdgeschoss des Schlosses eine der 6 Tötungsanstalten der „Aktion T4“ ein. Im Rahmen der NS-Euthanasieprogramme „Aktion T4“ und „Sonderbehandlung 14f13“ wurden im Schloss Hartheim rund 30.000 Menschen mit Lernschwierigkeiten, Menschen mit Behinderungen, Menschen mit chronischen und psychischen Erkrankungen, „arbeitsunfähige“ bzw. durch die Zwangsarbeit geschwächte KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter durch Kohlenmonoxyd ermordet.

Ein Raum im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim: In der Mitte ist eine große runde Platte auf der der Plan des Gebäudes aufgezeichnet ist mit nummerierten Räumen. Daneben stehen Würfel mit den Nummern und Beschriftungen drauf.

Ende der 1990er Jahre – nach mehreren Anläufen – begann man im Schloss Hartheim einen Lern- und Gedenkort einzurichten. 2003 eröffnete dann der Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim mit der Gedenkstätte und der Ausstellung „Wert des Lebens“, welche im Jahr 2021 neu konzeptioniert wurde.

Die Bedeutung von Selbstbestimmtheit für den Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim.

Aufgrund der Geschichte des historischen Ortes und aufgrund dieser zentralen Bedeutung der Selbstbestimmtheit für Menschen mit Behinderungen gab es im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim von Anfang an Bemühungen, die Selbstbestimmtheit für Menschen mit Behinderungen umzusetzen bzw. zu ermöglichen. Bei der Renovierung und beim Umbau des Schlosses zum Lern- und Gedenkort wurde bereits versucht die bauliche Barrierefreiheit bestmöglich zu erfüllen, um Menschen mit Behinderungen einen Besuch ohne Fremdbestimmung zu ermöglichen. Auch bei der Konzeption der Begleitung durch das Schloss Hartheim in Leichter Sprache wurde sehr darauf geachtet. Zum einen wurden Menschen mit Lernschwierigkeiten, welche die Leichte Sprache benötigen und dafür auch Expert*innen sind, in den Konzeptionsprozess direkt eingebunden. Zum anderen wurde auch das Ziel festgelegt, dass diese Begleitung die Selbstbestimmtheit für Menschen mit Lernschwierigkeiten ermöglichen muss.

Das Projekt „Unsere Geschichte(n)“ und Selbstbestimmtheit im historischen Kontext.

Mit dem Projekt „Unsere Geschichte(n)“ will man sich im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim nun weiter auf die Selbstbestimmtheit von Menschen mit Behinderungen fokussieren bzw. diese auch weiter verwirklichen. Dies soll nicht nur durch Maßnahmen zur Reduzierung von Barrieren erreicht werden, sondern auch durch das nachhaltige Einbinden von Menschen mit Behinderungen in die Vermittlungsarbeit.

Ein Raum im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim: An der Wand ist eine großflächige Zeichnung und seitliche eine Tafel, auf der steht als Überschrift "Fürsorge für die Armen"

Häufig wird bzw. wurde die Geschichte von Menschen mit Behinderungen als eine Randnotiz wahrgenommen, oder gar zur Gänze ignoriert. Wenn einmal über diese Geschichte gesprochen wird, dann sind es meistens Menschen ohne Behinderungen, die erzählen dürfen, und nicht diejenigen, die die historischen Parallelen von Exklusion und Barrieren heute noch erfahren müssen. Dieses Fremderzählen der Geschichte zeigt auf, wie weitläufig die Fremdbestimmung von Menschen mit Behinderungen geht und dass diese auch im historischen Kontext angesiedelt ist. Für den Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim, welcher an eines der dunkelsten Kapitel der Disability History erinnert, ist es deshalb ein zentrales Anliegen, Menschen mit Behinderungen als Expert*innen und als Guides einzubinden.

Ein Raum im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim: An der Wand ist eine großflächige Zeichnung und seitliche eine Tafel, auf der steht als Überschrift "Fürsorge für die Armen"
© Gerald Lohninger

Im Rahmen des Anfang 2025 gestarteten Projektes erarbeitet das pädagogische Team die Ausbildungskonzepte und Einbindungs- bzw. Inklusionsmodelle, welche nachhaltig implementiert werden sollen. Der Plan, dass Menschen mit Behinderungen auch nach Beendigung des Projektes fester Bestandteil der Vermittlungsarbeit sein sollen, ist hier besonders hervorzuheben. Dies soll nicht nur eine langfristige Orientierung für Selbstbestimmtheit im historischen Kontext darstellen, sondern soll Menschen mit Behinderungen auch nachhaltig eine Beschäftigung mit fairer Entlohnung bieten.

Ein weiterer Aspekt, auf welches das Projekt „Unsere Geschichte(n)“ ein Augenmerk legt, ist jener der kommunikativen Barrierefreiheit. Zwar wurde im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim diesbezüglich schon einiges gemacht – wie z.B. mit der Broschüre in Leichter Sprache und mit der Broschüre in Brailleschrift – doch weitere Schritte sollen implementiert werden, um die kommunikative Barrierefreiheit tiefgreifend zu verbessern. Im Projektmanagementplan sind daher eine Vielzahl an Maßnahmen aufgelistet. Unter anderem ist das Erstellen von Videos in der ÖGS für die Audiostationen und Videos ohne Untertitel, das Erstellen von Raum- und Objektbeschreibungen oder das Implementieren von taktilen Objekten vorgesehen. Das Ziel dieser Maßnahmen ist klar abgesteckt: Menschen mit Behinderungen sollen den Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim nicht nur ohne fremde Hilfe besuchen können, sondern sollen auch das in der Gedenkstätte und in der Ausstellung „Wert des Lebens“ vermittelte Wissen selbstbestimmt erlernen können. Die Bedeutung dieses Zieles besteht nicht nur in der Verwirklichung der Selbstbestimmtheit, sondern auch in der Möglichkeit zum Empowerment. Für den historischen Ort Schloss Hartheim ist zudem das Schaffen einer teilhabegerechten Erinnerungs- und Gedenkkultur von zentraler Bedeutung.

Diversität der Maßnahmen.

Ein Aspekt, der bei der Ausarbeitung des Projektmanagementplanes natürlich nicht außen vorgelassen wurde, ist jener der Diversität der Community von Menschen mit Behinderungen. Dies ist ausschlaggebend für den Projekterfolg, welcher in der Weiterentwicklung der Selbstbestimmtheit gemessen wird. Die Begründung dahinter ist klar: Nur wenn man die Community von Menschen mit Behinderungen in ihrer Diversität versteht, kann man die Vielzahl an Barrieren, Chancendisparitäten und Ungerechtigkeiten erkennen.

Beim Projektpunkt zur inklusiven Sicherheits- und Evakuierungsstruktur wurde z.B. bei den einzelnen Maßnahmen darauf geachtet, so viele Barrieren wie möglich zu reduzieren. Bei der Erstellung des Konzeptes für die inklusive Sicherheits- und Evakuierungsstruktur wurde nicht nur die Implementierung von Evakuierungsstühlen vorgesehen, sondern auch ein sichtbares bzw. taktiles Alarmsystem. Zudem ist auch geplant, dass die Sicherheits- bzw. Evakuierungsmaßnahmen in Leichter Sprache ausgelegt werden.  

Aber auch beim Konzept der Einbindung von Menschen mit Behinderungen in die Vermittlungsarbeit, welche im Jahr 2026 erarbeitet werden soll, wird die Verschiedenheit von Barrieren und der Community berücksichtigt.

Wenn man die Gesamtheit der Projektpunkte und Maßnahmen betrachtet, so wird noch deutlicher, dass man bei der Ausarbeitung des Projektmanagementplanes die Diversität der Community von Menschen mit Behinderungen erfasst hat. In den insgesamt 24 Projektpunkten wurden bzw. werden verschiedenste Barrieren bzw. Maßnahmen für deren Reduzierung angeführt. Dadurch will man das Ziel zur Weiterentwicklung bzw. Erreichung der Selbstbestimmtheit von Menschen mit Behinderungen mit absichern.

Limitationen bzw. Grenzen des Projektes.

Auch wenn es große Ambitionen gibt, die verschiedenen Punkte und Maßnahmen, welche im Projektmanagementplan gelistet sind, umzusetzen, so muss man auch Limitationen eingestehen.

Ein Raum im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim, in dem in der Mitte eine Skulptur in Form einer Doppelhelix steht. An der Wand entlang sind Tafeln angebracht.
© Gerald Lohninger

Aufgrund der gegebenen personellen, zeitlichen und finanziellen Ressourcen kann es immer wieder zu kleineren Abstrichen bei der Umsetzung der einzelnen Projektpunkte kommen. Das bedeutet, dass einzelne Maßnahmen, welche zu einen Projektpunkt gehören, eventuell gestrichen werden müssen. Dies muss man sich hier eingestehen, da die Vielzahl und die Diversität an Maßnahmen die Komplexität und den damit verbundenen Ressourcenbedarf stark erhöht. Die daraus resultierende Notwendigkeit einzelne Maßnahmen zu streichen, soll jedoch nicht dazu dienen, einen leichteren Weg zu gehen, sondern soll sicherstellen, dass alle Projektpunkte im Kern realisiert werden.

Ein Raum im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim, in dem in der Mitte eine Skulptur in Form einer Doppelhelix steht. An der Wand entlang sind Tafeln angebracht.

Perspektiven nach innen und nach außen.

Dieses bis Ende 2027 laufende Projekt wird in vielerlei Hinsicht den Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim bzw. dessen Arbeit nach innen und nach außen prägen. Besonders zu unterstreichen ist, dass die nachhaltige Verbesserung von Selbstbestimmtheit nicht nur einen Orientierungspunkt darstellt, sondern auch durch  das Erarbeiten von Perspektiven ermöglicht wird. Dies wird dadurch begründet, dass man mit dem Einbinden von Menschen mit Behinderungen in die Vermittlungsarbeit, mit dem Ermöglichen von Empowerment durch zugängliches Wissen und mit dem Schaffen einer teilhabegerechten Erinnerungs- und Gedenkkultur starke Signale nach außen gibt. Mit dem Projekt „Unsere Geschichte(n)“ sollen Wege und Handlungsoptionen aufgezeigt werden, wie man Selbstbestimmtheit für Menschen mit Behinderungen ermöglichen kann.

Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim

Wir fördern den Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim im Rahmen des Innovationsfonds über drei Jahre hinweg.