Soziale Gerechtigkeit als Menschenrecht
Am 20. Februar wird der UN-Welttag der sozialen Gerechtigkeit begangen. Er richtet den Scheinwerfer auf ein Thema, das uns von LICHT INS DUNKEL ein großes Anliegen ist und das wir durch die Soforthilfe und durch Projektförderungen laufend unterstützen.

An diesem Tag wird weltweit auf Ungerechtigkeiten innerhalb der Gesellschaft aufmerksam gemacht, etwa aufgrund einer Behinderung oder wegen einer Armutsgefährdung. Es werden aber auch Wege aufgezeigt, diese Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Die Vereinten Nationen haben den Tag 2009 unter dem Eindruck der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise ausgerufen. Denn soziale Gerechtigkeit ist eine der Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben, national wie international.
Mario Thaler ist seit September 2022 Geschäftsführer von LICHT INS DUNKEL. In dieser Funktion verantwortet er nicht nur die statutentreue Verwendung der Spendengelder für die Soforthilfe und die Projektförderungen. Sein Bestreben ist auch, durch gezielte Kommunikationsmaßnahmen das Bewusstsein für die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen und von armutsgefährdeten Kindern zu schärfen und Verbesserungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Und so die Weiterentwicklung von sozialer Gerechtigkeit voranzutreiben.
Es gibt keine einheitliche und verbindliche Definition von sozialer Gerechtigkeit. Vielmehr wird in Politik und Gesellschaft kontrovers diskutiert, was als gerecht oder ungerecht empfunden wird. Was bedeutet soziale Gerechtigkeit im Kontext von LICHT INS DUNKEL?
Für uns stehen zwei Aspekte im Mittelpunkt: Erstens, Kinderarmut möglichst zu vermeiden und absolute Härtefälle abzufedern. Eine unserer Zielgruppen sind Familien mit Kindern mit geringem Einkommen. Es geht darum, ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen, eines, wo es vielleicht die eine oder andere Sorge weniger gibt. Hier spielt auch das Thema Würde ganz stark hinein. Da sind wir sicherlich ein kleiner Mosaikstein, für manche aber ein wichtiger. Der zweite Aspekt: Menschen geraten aufgrund diverser Umstände, sei es eine Behinderung oder ein Unfall, in Situationen, wo sie mit einem höheren finanziellen Aufwand konfrontiert sind, der nicht durch staatliche Maßnahmen gedeckt ist. Es ist ein Solidaritätsaspekt, den es bei LICHT INS DUNKEL gibt, zu sagen: Wir helfen da, um herausfordernde finanzielle Situationen zu überwinden.
In welchen Bereichen leistet LICHT INS DUNKEL einen Beitrag für mehr soziale Gerechtigkeit?
Im Mittelpunkt steht für LICHT INS DUNKEL immer das Wohl von Kindern. Dabei geht es um zwei Gruppen. Es geht einerseits um die Teilhabe sozioökonomisch benachteiligter Familien mit Kindern. Das sind wir bei der Frage der Armutsgefährdung, wo wir versuchen zu vermeiden, dass Familien ihre Wohnung verlieren oder in einer kalten Wohnung sitzen. Hier tun wir unser Möglichstes, um über den Soforthilfefonds abzufedern. Andererseits geht es um Kinder, die mit einer Behinderung leben, und um Menschen mit Behinderung, die diese schon seit der Kindheit haben. Das sind die beiden Gruppen, die für LICHT INS DUNKEL wichtig sind. Diese sind besonders oft von sozialer Ungerechtigkeit und sozialer Exklusion betroffen.
In Österreich ist jedes fünfte Kind armutsgefährdet. Wie wirkt sich Armut auf gesellschaftliche Teilhabe und soziale Gerechtigkeit aus?
Auf sehr vielfältigen Ebenen. Das ist durch zahlreiche Studien mehrfach belegt. Es ist nachweislich, dass armutsgefährdete Kinder nicht dieselben Bildungschancen und Entwicklungsmöglichkeiten haben, wie Kinder aus ökonomisch gut situierten Familien. Sowohl der schulische Erfolg, als auch wichtige Freizeitaktivitäten bleiben dann oftmals auf der Strecke. Hier geht es natürlich um den finanziellen Aspekt, aber auch um einen sozialen. Arm zu sein oder sich gewisse Dinge nicht leisten zu können, ist mit Scham behaftet. Kinder laden dann ihre Freundinnen und Freunde weniger zu sich nachhause ein, weil sie nichts anbieten können oder weil sie weniger Möglichkeiten haben, gemeinsam etwas zu unternehmen.
Armut lässt dich weniger am Leben teilhaben. Es bietet dir weniger Möglichkeiten, dich zu entwickeln, obwohl sicherlich bei jedem Kind Fähigkeiten vorhanden sind, die es auch zu fördern gilt. Insofern schafft Armut Exklusion.
Faktoren wie familiäre Situation, Herkunft, Alter und Geschlecht entscheiden darüber, welche Chancen Menschen in ihrem Leben erhalten. Auch die Frage, ob man mit einer Behinderung lebt, macht einen Unterschied. Welche Bedeutung haben die UN-Kinderrechtskonvention und die UN-Behindertenrechtskonvention in diesem Licht?
Es ist wichtig festzuhalten: So schön es auch wäre, niemand startet von vornherein mit den gleichen Voraussetzungen. Es hängt von vielen Faktoren ab, in welchem Land werde ich geboren, in welche Familie – arm oder reich oder Mittelschicht –, ob mit oder ohne Behinderung, ob im eher ländlichen Raum, wo es weniger Angebot gibt, oder im städtischen. Da gibt es ganz viele unterschiedliche Voraussetzungen. Ich glaube, es ist dann wichtig, dass es für alle ähnliche Möglichkeiten geben soll, um sich von dem jeweiligen Stand weiterentwickeln zu können.
Die UN-Konventionen im Rahmen der Menschenrechtskonvention, sei es die Kinderrechtskonvention oder die Behindertenrechtskonvention, richten sich ja zuallererst an die jeweiligen Staaten. Es ist daher die Aufgabe von Regierungen und von Verantwortlichen in der Politik dafür zu sorgen, dass ungleiche Voraussetzungen, die es evident gibt, abgefedert werden und dass die, die weniger gute Voraussetzungen haben, zumindest die Option bekommen, sich weiterzuentwickeln und den Startnachteil auszugleichen.
Die UN-Kinderrechtskonvention ist sowieso jene Konvention, die die allermeisten Staaten unterschrieben haben, und implizit wird somit um Ausdruck gebracht „unsere Kinder sind uns wichtig“. Damit geht aber die Verpflichtung einher, Kinder zu fördern und besonders zu schützen. Bei der UN-Kinderrechtskonvention geht es ganz viel darum, geschützte Räume zur Verfügung zu stellen. Egal, wo Kinder sind, ob es in der Schule ist, bei Vereinen, bei Freizeitaktivitäten, aber auch in der Familie. Wenn das nicht vorhanden ist, ist es fast unmöglich, sich gut und gesund weiterzuentwickeln. Und das gilt für Kinder mit und ohne Behinderung. Deswegen haben beide Konventionen natürlich eine wichtige Aufgabe, die sich, wie gesagt, zu allererst an die unterzeichnenden Staaten richtet, aber natürlich auch generell an die Gesellschaft. Es gibt eine gesellschaftliche Verantwortung für Teilhabe.
Wie könnte sich eine Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit in Österreich auf die Arbeit von LICHT INS DUNKEL auswirken?
Da sind wir wieder bei dem Thema Staat und öffentliche Hand, wo vielfach grundlegende Dinge nicht gedeckt sind. Wäre das stärker der Fall, könnte sich LICHT INS DUNKEL um andere Aspekte kümmern. Etwa um solche, die zwar nicht zu 100 Prozent die Aufgabe des Staates sind, aber bei denen wir trotzdem anerkennen, dass sie etwa mit höheren Kosten verbunden sind, zum Beispiel für Menschen mit Behinderungen Urlaubsaktivitäten durchzuführen. Wäre LICHT INS DUNKEL in der Situation, dass wir nicht mehr Kinderpflegebetten oder Anschubhilfen für Rollstuhlfahrer*innen finanzieren oder mitfinanzieren, weil die öffentliche Hand das nicht oder nicht ausreichend macht, hätten wir die Möglichkeit uns verstärkt um andere Themen zu kümmern. Etwa darum, wie es Menschen geht, die Care Arbeit leisten. Die zum Beispiel ihr Kind zuhause pflegen. Das ist eine enorm hohe Belastung für die gesamte Familie, auch für Geschwister.
Das wären Aspekte, die für uns viel mehr in den Mittelpunkt rücken könnten. Momentan decken wir mit den Geldern, die uns zur Verfügung stehen, zum Teil auch Grundlegendes ab, was nicht der Fall sein sollte. Wir sollten uns vielmehr um jene Dinge kümmern, die auch Teil dessen sind, was die UN-Behindertenrechtskonvention vorsieht, aber wo der Staat aus gut nachvollziehbaren Gründen sagt, das kann das beste soziale Netz nicht auffangen.