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Ein Jubiläum, das nachwirkt (Teil 1)

Neue Wege der Inklusion zu beschreiten, erfordert Mut, Weitblick – und Zeit. Genau deshalb haben wir mit dem Jubiläumsfonds bewusst auf eine dreijährige Förderung gesetzt. Nun ist sie ausgelaufen und die Welt um einige innovative Projekte reicher.

Eine sogenannte Grätzlverbinderin im Projekt „Mittendrin.Sein.Können“ des Vereins Balance steht links neben einem Tisch mit Flyer. Auf der rechten Seite sitzt eine Frau im Rollstuhl. Beide lachen in die Kamera.
© BALANCE Archiv

Unser 50-Jahr-Jubiläum im Jahr 2022 wollten wir von LICHT INS DUNKEL nicht einfach so verstreichen lassen. Vielmehr haben wir es zum Anlass genommen, um mit einer Sonderausschüttung von zehn Millionen Euro den Jubiläumsfonds ins Leben zu rufen. Die Resonanz war beeindruckend: 111 Einreichungen gingen ein. Aus diesen wählte eine unabhängige Jury 25 Projekte aus, die durch innovative Ideen und ihre Strahlkraft überzeugten. Die Projekte hatten dabei Verbesserungen in ganz unterschiedlichen Bereichen zum Ziel: Bildung, Arbeitswelt, Sozialraum, Kultur, Freizeit, Sport, Peer-Beratung und Selbstvertretung sowie Empowerment und Gewaltschutz für Mädchen beziehungsweise Frauen mit Behinderungen.

Einige der Projekte haben wir bereits vorgestellt. Die entsprechenden Links finden Sie am Ende dieses Artikels. In diesem und einem kommenden Beitrag möchten wir Sie mit den übrigen 15 Projekten bekannt machen.

Förderung von Kindergartenkindern in all ihrer Vielfalt

Fünf Kinder im Leuchtturm-Kindergarten der Kinderfreunde sitzen gemeinsam mit zwei Pädagoginnen am Boden im Kreis. Eine Pädagogin spielt Gitarre.
© Philipp Tomsich | Kinderfreunde

Wie wäre es, einen Kindergarten zu schaffen, in dem Kinder mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen unterstützt von einem multiprofessionellen Team von Pädagog*innen über Therapeut*innen bis hin zu Sozialarbeiter*innen einen idealen Lern- und Entwicklungsort finden? Wie wäre es, einen Kindergarten zu schaffen, in dem auch Raum für die Zusammenarbeit mit Eltern bleibt? Mit diesen Fragen im Hinterkopf entwickelten die Österreichischen Kinderfreunde das Projekt „Leuchtturm Kindergarten – eine Elementarbildungseinrichtung #fürALLEKinder“.Im September 2023 startete im 10. Bezirk in Wien der Betrieb mit vier inklusiven Gruppen für Kinder mit körperlichen und/oder psychischen Behinderungen, mit nicht-deutscher Erstsprache, aus armutsbetroffenen Familien, mit Entwicklungsverzögerung oder erhöhtem Unterstützungsbedarf

Fünf Kinder im Leuchtturm-Kindergarten der Kinderfreunde sitzen gemeinsam mit zwei Pädagoginnen am Boden im Kreis. Eine Pädagogin spielt Gitarre.

In barrierearmen und autismusfreundlichen Gruppen-, Rückzugs- und Therapieräumen werden die Kinder nun betreut und bestmöglich gefördert. Unterstützte Kommunikation und Gebärden sind in diesem Modellkindergarten selbstverständlicher Teil der alltäglichen Kommunikation aller Kinder. In der Arbeit mit den Kindern wird eine positive Haltung gegenüber Vielfalt vermittelt, die sich wiederum in deren sozialer Offenheit zeigt.

Laptops, die die digitale Kluft zwischen Arm und Reich schließen

Fünf Schüler*innen und zwei Lehrpersonen der ZPC-Schule halten die Laptops in der Hand, die sie von Springboard im Rahmen des Projekts "Go digital!" erhalten haben.

Go digital! – Digitale Zukunftsförderung von Springboard. Verein zur Förderung von Talenten verbindet technologische Barrierefreiheit, soziale Chancengleichheit und Nachhaltigkeit. Springboard stellt jungen Menschen Laptops zur Verfügung: Der Fokus liegt dabei auf Schüler*innen und jungen Erwachsenen mit sonderpädagogischem Förderbedarf, mit Behinderungen, mit Flucht- oder Migrationserfahrung sowie auf armutsgefährdeten jungen Menschen. Dabei werden sowohl gebrauchte Laptops neu aufgesetzt, als auch neue Laptops weitergegeben. So erhalten junge Menschen einen barrierefreien Zugang zu Bildung, Information und Kommunikation. Dies ist ein wichtiger Baustein, um gleichberechtigt und selbstbestimmt leben zu können.

Fünf Schüler*innen und zwei Lehrpersonen der ZPC-Schule halten die Laptops in der Hand, die sie von Springboard im Rahmen des Projekts "Go digital!" erhalten haben.
© Verein SPRINGBOARD

Zahlreiche Rückmeldungen von Schulen, Sozialarbeiter*innen und Eltern zeigen, dass die Jugendlichen dadurch selbstständiger, motivierter und erfolgreicher im Lernen wurden. Digitale Werkzeuge am Laptop ermöglichen es Jugendlichen mit Behinderungen, Lerninhalte in angepasster Form zu bearbeiten und besser am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Über den Jubiläumsfonds wurden 225 junge Menschen mit einem Laptop versorgt.

Nachhaltige Präventionsarbeit auf allen Ebenen

die möwe, die in Wien und Niederösterreich sechs Kinderschutzzentren betreibt, legt mit dem Projekt „SIWA – SicherWachsen“ den Fokus auf ein inklusives Kinderschutzkonzept für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen. Denn diese Gruppe ist einem drei- bis vierfach höheren Risiko ausgesetzt, Opfer von (sexueller) Gewalt zu werden. Das neue Kinderschutzkonzept, das die besonderen Voraussetzungen von Kindern mit unterschiedlichen Behinderungen im institutionellen Kontext berücksichtigt, beinhaltete Workshops für Kinder mit Behinderungen sowie für ihre familiären Betreuungspersonen. Die Kinder wurden dabei unterstützt, Selbstvertrauen zu entwickeln, sich selbst zu helfen und sich gegen Gewalt zu behaupten. Im Rahmen von SIWA – SicherWachsen begleitete die möwe außerdem Kinder mit Behinderungen, die von Gewalt betroffen waren, Zeug*innen von Gewalt waren oder bei denen ein konkreter Gewaltverdacht bestand. Wichtig war auch der Kompetenzaufbau bei Fachkräften: Durch Schulungen und eine praxisnahe Begleitung erlangten sie Sicherheit im Umgang mit Verdachtsfällen, sodass sie Gewalt frühzeitig erkennen und angemessen handeln können. 38 Organisationen wurden dabei unterstützt, inklusiven Kinderschutz nicht nur formal, sondern auch tatsächlich im Alltag zu verankern. Der inklusive Kinderschutz ist über die Projektlaufzeit hinaus fester Bestandteil der Kinderschutzarbeit und Organisationsberatung von die möwe.

Elemente eines der zwei Gewaltpräventionsparcours vom Verein Selbstlaut: Man sieht zum Beispiel eine schematische Darstellung von Gebärmutter, Eileiter und Eierstöcke, einen kleinen Koffer gefüllt mit Karten (Auf der obersten steht "Was ist die Menstruation?), einen kleinen Koffer mit Periodenprodukten und ein Tablett mit Scheiben, auf denen Symbole abgebildet sind, die mit Menstruation im weitesten Sinne zu tun haben.
© Selbstlaut

Selbstlaut – Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen hat sich der nachhaltigen, barrierearmen Gewaltprävention verschrieben. Kern des Projekts sind zwei mobile Gewaltpräventionsparcours, die für alle Kinder und Jugendlichen geeignet sind: „Kinder stärken hilft – Präventionsparcours für Kinder in Leichter Sprache“ und „Ganz schön intim – mobile Ausstellung für Jugendliche und junge Erwachsene in Leichter Sprache“. Die Parcours wurden eigens entwickelt, aus nachhaltigen hochwertigen Materialien handgefertigt und werden Pädagog*innen und anderen institutionellen Betreuenden inklusive Lehrmaterial und Schulung kostenlos zur Verfügung gestellt.

Damit können diese selbstständig Bewusstseinsarbeit leisten, um präventiv gegen (sexualisierte) Gewalt im realen wie im digitalen Leben zu wirken. Die Pädagog*innen entwickeln eine deutliche Sensibilisierung für Dynamiken sexualisierter Gewalt, Trauma und mögliche Anzeichen bei Kindern. In den Parcours beschäftigen sich die Kinder und Jugendlichen spielerisch, barrierearm und niederschwellig mit Themen wie Kinderrechte, Gefühle, Lebensformen, Zustimmung, Intimität und Grenzen bei Berührungen. Das fördert Aufklärung, schafft Sprache und sichere Räume, bietet Rede- und Sortierhilfe. Durch die mehrschichtige Wirkung auf Institutionen, Fachkräfte und Kinder zeigt sich eine nachhaltige Präventionsarbeit auf allen Ebenen.

Mentor*innen als emotionaler Anker und soziales Netzwerk

Ein jugendlicher Bursch und eine erwachsene Frau sitzen an einem Tisch und sind ins Gespräch vertieft.
© younus Mentoring / Peter Rinnerthaler

Die Hauptzielgruppe des Projekts „Mentoring Tandem Community und App“ von younus Mentoring – Mentoring für Kinder, Jugendliche und Eltern sind Kinder und Jugendliche zwischen acht und 17 Jahren aus Familien mit Migrations- und Fluchthintergrund, mit niedrigem Bildungsstand, mit Traumaerfahrung sowie mit psychisch belasteten Eltern. Ihnen werden Mentor*innen zur Seite gestellt, die sie in der realen, aber auch der virtuellen Welt begleiten und ihnen Sicherheit geben. So machen die Kinder und Jugendlichen positive Beziehungserfahrungen, werden ermutigt und haben ein Rollenvorbild zur Orientierung. Der sichere Raum fördert Entwicklung und Entfaltung. Für die freiwilligen Mentor*innen wurde eine eigene App zum Beziehungsaufbau und zur Beziehungspflege untereinander entwickelt.

Ein jugendlicher Bursch und eine erwachsene Frau sitzen an einem Tisch und sind ins Gespräch vertieft.
© younus Mentoring / Peter Rinnerthaler

Dort sind Informationen zu Veranstaltungen, Eintrittskarten oder Content für alle zeit- und ortsunabhängig zugänglich. Gleichzeitig können Aktivitäten und Wirkungen des freiwilligen Engagements mit geringem Aufwand dokumentiert werden. Nach Ablauf des Projekts ist die App nicht nur für alle Ehrenamtlichen bei younus Mentoring erreichbar. Das Wissen und die technische Umsetzung werden auch anderen Organisationen zur Verfügung gestellt.

Eine junge Frau mit Fluchterfahrung und ihr Buddy, ebenfalls eine junge Frau, sitzen an einem gelben Tisch und blicken in die Kamera. Sie sind Teil des Projekts "HOME:buddy".
© Parissima Taheri

HOME:buddy von Vielmehr für Alle! Verein für Bildung, Wohnen und Teilhabe erleichtert es jungen Menschen mit Fluchterfahrung, sich in Wien zuhause zu fühlen und anzukommen. Ehrenamtliche Vertrauenspersonen (Buddys) sind für sie ein emotionaler Anker, helfen ihnen, sich in der neuen Kultur zurechtzufinden, und stehen ihnen bei Fragen und Problemen als Ansprechpartner*innen zur Verfügung. Zusätzlich werden auf eine spielerische und praktische Weise Deutschkenntnisse gefördert. Doch auch die Buddys profitieren: Sie erweitern ihren Horizont durch den Kontakt mit Menschen aus einem anderen politischen, sozialen und kulturellen Umfeld. Sie bekommen die Möglichkeit, ihre eigene Umwelt aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen und selbst Handlungen gegen Missstände zu setzen.

Eine junge Frau mit Fluchterfahrung und ihr Buddy, ebenfalls eine junge Frau, sitzen an einem gelben Tisch und blicken in die Kamera. Sie sind Teil des Projekts "HOME:buddy".

In den drei geförderten Jahren wurden 276 geflüchtete Jugendliche und insbesondere subsidiär schutzberechtigte Frauen und ihre Kinder begleitet. Im Jahr 2024 haben Mentor*innen als Erweiterung das Projekt HOME:base gestartet. Dabei werden Wohnungen vom Verein angemietet, ehrenamtlich renoviert und dann an Frauen mit Fluchterfahrung und subsidiärem Schutzstatus vergeben.

Zeit in Gemeinschaft verbringen

Freiwilliger bei der Arbeit im lend.raum der Caritas Kärnten. Er sitzt an einem Tisch. Neben ihm steht eine Caritas-Mitarbeiterin und blickt ihm über die Schulter.

Im lend.raum der Caritas Kärnten in Klagenfurt können langzeitarbeitslose Menschen mit psychischen Erkrankungen, die nicht (mehr) am gesellschaftlichen und sozialen Leben teilhaben, gemeinsam freiwillig tätig sein. Sie schaffen dabei etwas Sinnvolles für andere Menschen und wechseln von der Rolle der Bittsteller*innen in die von freiwilligen Mitarbeiter*innen der Caritas. Mit dem lend.raum wird eine Betreuungslücke geschlossen und ein niederschwelliges Angebot geschaffen, das Menschen auffängt und stabilisiert. Die lend.raum-Besucher*innen erfahren nicht nur einen wertschätzenden Umgang auf Augenhöhe, sie erhalten auch Alltagsstruktur. Bei Bedarf werden zusätzlich psychosoziale Beratung, Sozialarbeit, Lebens- und Sozialberatung, Berufsberatung und/oder Motivations- und Entlastungsgespräche angeboten.

Freiwilliger bei der Arbeit im lend.raum der Caritas Kärnten. Er sitzt an einem Tisch. Neben ihm steht eine Caritas-Mitarbeiterin und blickt ihm über die Schulter.
© Caritas Kärnten

Die Freiwilligen können sich ihre Aufgaben aussuchen, die von der Fertigung von Schlüsselanhängern und Häkelblumen bis hin zu Kuvertier- und Näharbeiten reichen. Sie werden bei ihrer Arbeit von Caritas-Mitarbeitenden begleitet, angeleitet und bei Bedarf unterstützt. Einige der lend.raum-Freiwilligen konnten den Übertritt in andere Bereiche schaffen. So nahmen beispielsweise mehrere Personen eine Beschäftigung auf, begannen ein Arbeitstrainingsprogramm oder eine Ausbildung.

Zwei Nutzer*innen im Projekt „Mittendrin.Sein.Können“ des Vereins Balance bei einem Grätzlfest im Sommer im Außenbereich der Wohnanlage. Beide sitzen im Rollstuhl und lachen in die Kamera.
© BALANCE Archiv

Die meisten Menschen mit schweren bis schwersten Mehrfachbehinderungen leben in Heimen oder vollbetreuten Wohnhäusern. Für mehr als 40 Personen aus dem Wohnhaus Maxing des Vereins Balance, Leben ohne Barrieren in Wien sollte sich das im Frühjahr 2023 ändern. Sie zogen in Wohnungen in Teilbetreuung in zwei unterschiedlichen Wohnsiedlungen um. Für die Nutzer*innen bedeutet die neue Wohnsituation eine enorme Veränderung, denn erstmals sind sie auch für ihre Freizeitgestaltung selbst verantwortlich. Um einer gesellschaftlichen Isolation entgegenzuwirken, hat Balance den Übergang mit dem Projekt „Mittendrin.Sein.Können“ begleitet.

Zwei Nutzer*innen im Projekt „Mittendrin.Sein.Können“ des Vereins Balance bei einem Grätzlfest im Sommer im Außenbereich der Wohnanlage. Beide sitzen im Rollstuhl und lachen in die Kamera.

Sogenannte Grätzlverbinder*innen leisten dabei Sozialraumarbeit und schaffen ein offenes Umfeld und Anlässe, bei denen sich die Nachbar*innen mit den Nutzer*innen mit Unterstützungsbedarf begegnen können. Als Brückenbauer*innen begleiten sie erste Kontakte, unterstützen die Nutzer*innen beim Erschließen neuer Orte, bleiben aber auch in herausfordernden Situationen ansprechbar.

Vergangene Beiträge über Jubiläumsfonds-Projekte

Zum zweiten Teil der Artikelserie.